Freitag, 29. Januar 2016

I don't want to live on this planet anymore

Rekordwerte, Yay! (© ARD)
In den letzten Tagen und Wochen schlug mir das Thema Flüchtlingskrise mit all seinen unsäglichen Auswüchsen in Deutschland und der gesamten EU extremst aufs Gemüt. Neben den nicht enden wollenden (und sich ständig in ihrer Abscheulichkeit steigernden) Nachrichten über Hate-Crimes gegenüber Neuankömmlingen und Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte hier in Deutschland (Immerhin haben wir 2015 eine Rekordzahl neofaschistischer Straftaten erreicht) ist es mit der Freizügigkeit innerhalb Resteuropas auch nicht mehr weit her. Vorgestern hat Mazedonien die Grenze zu Griechenland (vorübergehend, wie man mittlerweile liest) dichtgemacht und damit die Balkanroute mehr oder weniger blockiert.
Die Grenzkontrollen in den Schengen-Ländern könnten sogar die Wirtschaft belasten -las man unlängst in den Qualitätsmedien™- wenn Bundes Inni-Mini Thomas die Misere de Maizière über das Frühjahr hinaus die Kontrollen an der Österreichischen Grenze aufrechterhalte. Die Wirtschaft! BELASTEN!! Ohmeingottwirwerdenallestörbeeeen!!!1einself!1!


Räusper, ähem, 'tschuldigung.
Im hohen Norden versuchen die Dänen -und überhaupt ganz Skandinavien- derweil sich möglichst unbeliebt zu machen bei den Neuankömmlingen in der Festung Europa und würden am liebsten überhaupt keinen mehr reinlassen. Die Polen lassen sowieso keinen rein, schon traditionell nicht, schließlich sind das alles gute Katholiken, die holen sich doch keine Muselmanen ins Haus. Genauso wenig wie die Ungarn. Die haben mit Viktor Orban einen Hardliner an der Spitze wie ihn sich die Salonfaschisten von der AFD nicht schöner wünschen könnten. Da kann der feine Herr Faymann noch so viel zu vermitteln versuchen, im Osten Europas haben Flüchtlinge nix verloren. Und überhaupt, wer will schon in einen Ex-Satellitenstaat der Sowjetunion einwandern?

Und wie sieht's im Westen der EU aus? Naja, die Spanier haben da einige Erfahrung mit dem Aufhalten der ungewaschenen Massen aus dem Süden. Die haben vor zehn Jahren einfach ein Abkommen mit dem damals frisch an die Macht geputschten Militär-Diktator Abdel Aziz in Mauretanien geschlossen. Seitdem bilden die Spanier dessen Schergen aus und liefern Entwicklungshilfe und Anerkennung seiner Junta in der EU und im Gegenzug hält Aziz die Flüchtlinge auf seiner Seite von der Straße von Gibraltar. Win win. Gut, jetzt nicht für die Flüchtlinge, die sind gefickt. Aber wen interessieren schon ein paar(hundert) Tausend Schwarzafrikaner. Und ein paar einzelne dürfen sogar hochoffiziell ins gelobte (EU-)Land und dort im Niedriglohnsektor buckeln. Nach zehn Jahren dieser Politik hat sich das natürlich rumgesprochen und so versucht kaum noch wer überhaupt über Spanien in die EU zu kommen. Mission accomplished würde der Ami sagen.
Von den Drama dass die Franzosen und die Briten in Calais abziehen will ich gar nicht erst anfangen...

Bleibt als letzte Möglichkeit nur noch der Süden, sprich Türkei-Griechenland-Mazedonien-Serbien usw. - die Balkanroute. Dort bündeln sich die Ströme der afrikanischen Flüchtlinge mit denen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Was tun, sprach Zeus. Frontex heißt eigentlich die europäische Antwort. Diese "Agentur" mit Sitz in Warschau, die für den "Schutz" der europäischen Außengrenzen (frontières extérieures) zuständig ist und für Operationen mit klingenden Namen wie Poseidon, Triton oder Hera verantwortlich zeichnet. Allein der Wikipedia Artikel zu dem Laden löst bei mir schon Brechreiz aus. Die jedenfalls koordinieren die Aktionen der Grenzschützer und sollen Mitgliedsstaaten in Situationen beistehen die "eine verstärkte technische und operative Unterstützung [...] erfordern". Naja, hätte könnte sollte...
Nachdem die Troika die Griechen wirtschaftlich so richtig gefickt hat drohen die, ähm, Partnerstaaten der EU jetzt ziemlich offen damit sie aus dem Schengenraum zu werfen und auf abertausenden Flüchtlingen sitzen zu lassen. Tolle Wurst. Man kann gar nicht so viel essen wie man kotzen möchte.


Und die restliche Welt hat scheinbar auch völlig den Verstand und jedes Maß verloren. Zum Beispiel? Nun, der russische Außenminister ist ein ganz gutes Beispiel. Der meint doch er müsse den Berliner Bullen erklären wie sie ihre (Öffentlichkeits-)Arbeit zu machen haben, weil ein 13 jähriges Mädchen aus Marzahn zu viel Phantasie hat und sich ein Vergewaltigungsszenario zurecht fabuliert hat, vermutlich um ihren Eltern nicht beichten zu müssen dass sie die Nacht lieber bei ihrem Freund verbracht hat als zu Hause im Kinderzimmer. Gut, die Kleine ist aus einer Russlanddeutschen Familie, aber was zum Geier geht es den russischen Außenminister an wie die Berliner Polizei ihre Arbeit macht. Wobei - bei den Einsätzen der Bullen in der Rigaer Straße -500 Mann für eine(!) Hausdurchsuchung, das ist die Hälfte des Bundeswehr-Kontingents in Syrien und gefunden haben sie ein bisschen Sperrmüll- da neulich hätte man schon denken können die haben einen alten Sowjet-Apparatschik als Einsatzberater. Vielleicht hatte der Mann da auch seine Finger im Spiel. Meine Theorie ist ja dass dem ganzen Fascho-Terror jetzt medial ein bisschen Linksextremismus entgegengesetzt werden soll, um eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten oder so. Dazu passt ja auch, dass man dieser Tage doch tatsächlich die RAF (!) wieder ausgegraben hat.

verblüffende Ähnlichkeit...
Und wenn man über den großen Teich guckt, in die US of A, dann bekommt man als Außenstehender auch leicht den Eindruck dass die da alle Lack gesoffen haben. Donald Trump, dieses Ekelpaket mit der Frisur die aussieht als wäre ein Meerschweinchen auf seinem Kopf verendet, wird dort tatsächlich als ernsthafter Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur gehandelt. Immerhin dürfte er weltweit der erste Politiker sein, dessen Haare einen eigenen Twitter Account haben.

So, jetzt hab ich mich wieder genug geärgert für einen Abend. Eigentlich wollte ich ja einen kurzen Text über das Buch schreiben, das ich gerade am lesen bin aber irgendwie kam ich jetzt völlig vom Thema ab noch bevor ich das erste Wort geschrieben hatte.
Mir war das jedenfalls alles zu viel in letzter Zeit mit dem Weltgeschehen, deshalb hab ich mich etwas zurückgezogen und mir einen Sammelband mit drei Romanen von Wolfgang Jeschke besorgt, die ich mit steigender Begeisterung am lesen bin (danke für den Tipp Charlie). Der Mann hatte einen Schreibstil der eine so dichte Atmosphäre erzeugt wie es kaum ein Film schafft, absolut klasse. Aber mit der Realitätsflucht hat's dann doch nicht so gut geklappt wie ich gehofft hatte, weil der dritte Roman (das Cusanus-Spiel) in dem Buch das Thema Flüchtlingskrise auch wieder aufgreift (ach ja, das war's was mich vom Thema abbrachte xD), wenn auch nur am Rande. Ich bin erst etwas mehr als halb durch, also keine Spoiler bitte. Aber ich kann jetzt schon sagen dass dies der beste Science Fiction Roman ist den ich seit langem gelesen habe. Tolle Atmosphäre, gut gezeichnete Charaktere, alternative Realitäten, Zeitreisen, ein bisschen Lokalkolorit hier aus der Nähe, ein rundum gelungenes Werk wie ich finde. Die beiden ersten Romane in dem Band waren mir ein bisschen zu kurz muss ich sagen. Ich hätte von Jeschke gerne so ein Mammutwerk in der Art von Dune gelesen. Leider war der Mann wohl die meiste Zeit seines Lebens damit beschäftigt der Science Fiction in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen und hatte zu wenig Zeit mehr gute Bücher zu schreiben. Schade.
Naja, sei's drum, ich geh jetzt weiterlesen. Man sieht/liest sich.

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für diese brechreizerregende Zusammenfassung des aktuellen Zustands in Deutschland und Europa. In dieser konzentrierten Form erkennt man das wirkliche Ausmaß des widerwärtigen Irrsinns noch etwas deutlicher. Ich bibbere momentan jeden Tag, wenn ich die Seiten meiner bevorzugten "Qualitätsmedien" aufrufe, weil stets eine weitere Eskalation in so vielen Bereichen zu befürchten ist.

    Was den Jeschke betrifft, muss ich gestehen, dass ich "Das Cusanus-Spiel" bislang noch gar nicht gelesen habe. Es wäre toll, wenn Du nach der Lektüre ein paar Zeilen zu diesem Buch schreiben könntest - auch wenn mich Deine bisherigen "Häppchen" schon sehr neugierig gemacht haben. :-)

    Liebe Grüße!

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  2. Und selbst wenn der tägliche Irrsinn astronomische Ausmaße annehmen sollte -auch wenn eine Steigerung immer schwerer werden wird- haben immer noch geschätzte 90 Prozent aller Bundesbürger absolut keine "Lust" darüber zu reden. Es wird sich weiterhin in einen sozial-emotionalen Biedermeier-Weltverleugner-Bunker eingeigelt und jeder, der mit alternativen Sichtweisen daher kommt, wird als verrückt erklärt. Dabei kann es absolut nicht gesund sein, sich in einer krankmachenden Welt als "Normalbürger" zu empfinden.

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  3. Zur Einmischung Lawrows in unsere inneren Angelegenheiten:
    http://german-foreign-policy.com/de/fulltext/59297

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  4. Epikur: Das, was Du, Schatzelein, als Biedermeier erwähnst,
    steht zehn Kilometer über dir. Mörike.
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