Donnerstag, 15. Oktober 2015

Meanwhile on the Ship of Fools...

Angeregt von diesem Artikel auf der Narrenschiffbrücke und den dazugehörigen Kommentaren, habe ich mich mit einer halben Flasche Whisky und meinem Bademantel (den brauch ich um mich konzentrieren zu können) hingesetzt und mir Gedanken darüber gemacht wie denn so eine "gemeinschaftliche Linke Gegenwehr" aussehen könnte, wenn sie denn zustande kommen würde. Der gute Charlie hat sich im Artikel in seiner gewohnt pessimistischen Art einen bei ihm geposteten Kommentar vorgenommen, der anregte sich doch medial zu vernetzen um wenigstens mal auf dem Radar der Öffentlichkeit aufzutauchen.

Ich halte das für eine ausgesprochen gute Idee, auch wenn ich die Zweifel von Charlie teile. Die deutschsprachige Linke ist (nicht nur) im Internet in fast so viele Lager aufgeteilt wie sie Akteure hat. Von den "Drucker August"-Figuren wie Roberto De Lapuente, (den alten, enttäuschten Sozialdemokraten), denen es schon reichen würde wenn alles wieder so wäre wie in den siebziger Jahren und die selten über den eigenen Tellerrand hinaus schauen, über die Eso-Linken, die ihr Heil im spirituellen Voodoo-Gedöns suchen, bis zu Menschen wie dem Altautonomen, der zwar AFAIK kein eigenes Blog betreibt (warum eigentlich nicht?), aber genügend Gastbeiträge und Kommentare verfasst hat um öfter als einmal positiv aufzufallen, ist das gesamte Spektrum linker Weltanschauung vertreten.
Nur, wie bekommt man diese ganzen Einzelkämpfer unter einen Hut? Und wer darf mitspielen und wer nicht? Kann ich, als ausgesprochener Gegner unseres jetzigen Systems, überhaupt mit Reform-Sozen und Eso-Linken soweit auf einen gemeinsamen Nenner kommen, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung eine einheitliche Front bilden?

Der kleinste Nenner

Drüben auf dem Narrenschiff kommt der Kapitän zu dem Schluss, dass es bereits daran mangele einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Das ist richtig. Allerdings ist der dort propagierte gemeinsame Nenner für mich zwar sehr einleuchtend und ich persönlich würde alle drei Punkte ohne zu zögern unterschreiben und noch einige andere, die in die selbe Richtung deuten, hinzufügen. Aber der gute Herr Charlieson hat da einen gehörigen Denkfehler, wenn er meint solche Forderungen taugen als kleinster gemeinsamer Nenner:
Traditionell bezeichnet man als kleinsten gemeinsamen Nenner ja eher die mindestens zu erfüllenden Gemeinsamkeiten um zu einer Einigung zu kommen. Und wenn wir diese drei Punkte oben jetzt als kleinsten gemeinsamen Nenner festlegen, dann hat Charlie natürlich recht. Zu Sozialistisch für die einen, zu wenig auf die "spirituelle Holistik" (was auch immer das sein mag, den Begriff hab ich mir für die Esoterik-Fans ausgedacht) ausgelegt für andere. Wieder andere hätten vermutlich ein Problem mit dem Punkt drei, weil sie denken dass ein moderner Lenin kommen muss um - ganz Messias-mäßig - die Menschheit zur Erlösung zu führen.

Versteht mich nicht falsch. Die Punkte sind valide und würden als "Endziele" sicher auch von einem Großteil der sich als links verstehenden Menschen angenommen werden. Aber als kleinsten gemeinsamen Nenner für ein gemeinsames Projekt "Gegenwehr" würde ich eher sehr allgemeine Dinge voraussetzen. Was das jetzt im Einzelnen sein sollte weiß ich auch nicht so genau, aber die Anerkennung der Menschenrechte und des Humanismus sollten wohl auf jeden Fall dabei sein, genauso wie die Ablehnung von nationalistischem Gedankengut und sozialdarwinistischen Ideen.
Die Forderung nach der Abschaffung von Nationalstaaten (sehr vernünftig, aber aktuell leider auch sehr unrealistisch) würde hingegen viele sich als "eher links, aber kein Anarchist/Kommunist" einordnende Mitmenschen wohl eher abstoßen, genauso wie die Forcierung des "Gender-Wahns" bei Anderen zum facialpalmieren führt.

Das ganze Thema ist sehr kompliziert und sicher nicht in zwei, drei Blogposts abzuwickeln. Denn wenn die Frage nach dem gemeinsamen Nenner, und damit nach dem "Wer" dann geklärt wäre, diese "erwünschten Teilnehmer" informiert und von der Idee überzeugt wären, würde es als nächstes um das "Wie" gehen. Eine ganz neue Internetpräsenz wäre dafür zwar am geeignetsten, aber da hätte man das alte Problem, dass man seine Arbeit, zumindest Anfangs, praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit macht. Also wäre mein Vorschlag Publikationen mit Reichweite zu hijacken. Zum Beispiel kann bei freitag.de in der Community jeder der will ein Blog betreiben und wenn Leute wie der Autor "fhp" (freie Hartz IV Presse) mit ihren orthographischen und grammatikalischen Katastrophen von Beiträgen es dort wieder und wieder auf die Startseite schaffen, dann dürfte das für feynsinnigere Schreiber ein Klacks sein das selbe zu erreichen. Auch die Nachdenkseiten wären mMn ein passendes Outlet für Artikel einer "neuen Linken", obwohl es wohl schwerer wäre sich dort zu platzieren. Oder Telepolis, der Heise Verlag würde von einer Rückbesinnung auf alte Tugenden auch nur profitieren.

Am coolsten fände ich persönlich ja, wenn man hinginge und die Blödzeitung oder den Stürmer-, sorry, Spiegel-Online hacken und deren Startseiten ordentlich defacen würde, aber das wäre vermutlich den meisten "gemäßigteren" Linken zu subversiv und auch strafrechtlich nicht ganz unbedenklich, ganz davon abgesehen dass ich niemanden kenne der so etwas hinbekäme (vielleicht mal Fefe fragen?) Aber man darf ja wohl noch träumen...

Der, die, das

linke Blogger - Symbolfoto
So, das "Wer" und das "Wie" hätten wir dann. Fehlt noch das "Was", dann ist der Sesamstraßen-Song fertig (das wieso, weshalb, warum darf sich jeder selbst ausmalen ;-)). Ich würde für eine Art alternatives Newsoutlet plädieren, in dem die Themen, die von den MSM übergangen oder heruntergespielt werden ausführlich behandelt werden und wo antikapitalistische Aktionen geplant, beworben und ausgeführt werden, eine Art Mischung aus TelepolisNachdenkseiten, indymedia linksunten und vielleicht noch duckhome.
Ich selbst  spiele auch schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken eine deutschsprachige antikapitalistisch-anarchistische News Show nach dem Vorbild von Submedia TV's "It's the end of the world as we know it, and I feel fine!" zu produzieren, aber das scheitert bisher am Equipment (hauptsächlich) und am Know-How (da bin ich lernfähig und auch -willig).
Zusammenfassend kann man also sagen, dass ich sehr wohl denke eine größere Vernetzung zur Erweiterung der Reichweite ist möglich, wenn auch schwierig. Allein, es fehlt der Wille (zumindest scheint es im Moment so).

Tja, das sind dann mal meine zwei Cents zum Thema. Diese Überlegungen sind zwar wahrscheinlich genauso blauäugig wie die auf der Narrenschiffbrücke schwarzmalerisch sind, aber ich hatte halt das Gefühl ich müsste dem Artikel der "negative Nelly" Charlie einen etwas positiveren Ausblick entgegensetzen. Und sei es nur um nicht gleich wieder selbst in Depressionen zu fallen. Zum Schluss möchte ich noch loswerden, dass es die ganzen "besorgten Bürger", aka nationalistischen Lackaffen, ja auch schaffen sich, trotz teilweise fundamentaler Unterschiede in der Weltanschauung, als geschlossene Front (von Arschlöchern) in der öffentlichen Wahrnehmung zu positionieren. Warum sollten wir als Linke das dann nicht auch können? Oh und by the way: ganz ohne rosarote Brille muss ich der Meinung zustimmen, dass sich alle SPD-nahen Autoren praktisch selbst disqualifizieren. Die haben leider alle vom kapitalistischen Kool-Aid getrunken und sind nicht wirklich ernst zu nehmen. Und die Parteien habe ich bei meinen Überlegungen bewusst außen vor gelassen, weil ich meine dass wir spätestens seit dem "Marsch durch die Institutionen" wissen sollten, dass eine Veränderung des Systems aus dem System heraus unmöglich ist. So long...

oder so ähnlich...
P.S.: Trotz der SPD-Verseuchtheit, hat Roberto drüben bei Ad Sinistram die Tage eine ganz gute Idee gehabt (auch wenn er IMHO, wie üblich, zu kurz angesetzt hat), die ich hier ab jetzt so ähnlich auch umsetzen möchte, daher:
Ceterum censeo capitalismem esse delendam! 
(etwaige Fehler bitte ich zu entschuldigen, bzw. mich zu verbessern, meine Lateinkenntnisse habe ich aus Asterix Heften und das Deutsche "Im übrigen bin ich der Meinung der Kapitalismus muss zerstört werden" klingt einfach nicht so schmissig ;-) )

Kommentare:

  1. @ Hubert: Erstmal vielen Dank für die ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Thema. Es ist wirklich erfreulich, dass Du den Weg zurück in die "Bloggerhölle" gefunden hast - ohne Deine Beiträge wäre diese immer kärglicher werdende Filterblase noch um einiges ärmer.

    Es tut mir deshalb sehr leid, dass ich Deinem Text an einer entscheidenden Stelle gleich widersprechen muss, denn der Denkfehler, den Du mir attestierst, ist leider keiner. Du bist mit dieser Fehleinschätzung aber wahrlich nicht allein - es ist inzwischen fast durchgängig so, dass der Begriff des "kleinsten gemeinsamen Nenners" meist falsch benutzt wird. Er meint ja gerade nicht die "Übereinstimmungen" an den Rändern, sondern weist per definitionem auf die Basis hin. Mit anderen Worten: Der "kleinste gemeinsame Nenner" muss das Fundament bilden, von dem die beteiligten Akteure ausgehen, um ihre jeweiligen Ziele erreichen zu können.

    Dieses Missverständnis kann man aktuell gerade beim "Spiegelfechter" in aller Ausführlichkeit nachlesen, wo Jörg Wellbrock sich allen Ernstes Gedanken darum macht, ob man auch mit Nazis gemeinsam demonstrieren könne, wenn sie "dasselbe Ziel" verfolgen. Gerade dort wird überdeutlich, dass es natürlich nicht darum geht, eventuelle Übereinstimmungen in Detailfragen zu finden, denn dann landet man unweigerlich in diesem bizarren Szenario.

    So bin ich auf die genannten drei Punkte gekommen, die natürlich kein "gesellschaftlich-wirtschaftlicher Gegenentwurf" zum Kapitalismus sein können, sondern eben nur der "kleinste gemeinsame Nenner", von dem man in vielen Diskussionen und Gedankenspielen in durchaus sehr unterschiedliche Richtungen weiterdenken kann. Auch hier mit anderen Worten: Wenn jemand den Kapitalismus gar nicht in Frage stellt und damit auch die Besitzverhältnisse so lassen möchte, wie sie sind, ist eine Fortentwicklung gemeinsam mit Verfechtern des antikapitalistischen Weges logisch schlicht nicht möglich. An anderer Stelle hab' ich das mal so formuliert:

    "Es ist nicht weiter verwunderlich, dass es sehr viele, zum Teil recht verschiedene linke Gruppierungen gibt - schließlich kann das niemals eine 'homogene' Masse sein, da es zu viele sich gegenseitig ausschließende Grundüberzeugungen gibt. Der Streit um die Überwindung/Abschaffung bzw. 'Reform' des kapitalistischen Systems und seiner Besitz- und Machtverhältnisse ist nur ein Beispiel von sehr vielen dafür."

    Der "kleinste gemeinsame Nenner" ist also das grobe Fundament (bzw. dessen Fragment), auf das man sich einigen muss, um zielführend weitermachen zu können. Das geht im vorliegenden Fall indes nicht mit Nazis, und das geht auch nicht mit Sozialdemokraten, Grünen, irgendwelchen Patrioten, Kapitalisten oder esoterischen Voodooanhängern.

    Ansonsten begrüße ich Deinen positivistischen Ansatz aber sehr und würde mich nach meinen bescheidenen Möglichkeiten, sofern erwünscht, auch an entsprechenden Projekten beteiligen. :-)

    Liebe Grüße!

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    1. Hmm, da hast du einen Punkt. Aus der Perspektive hatte ich das gar nicht bedacht. Da muss ich jetzt erst mal ein paar Stunden drüber schlafen und das Ganze gedanklich noch ein bisschen hin und her wälzen. Aber so from the top of my head: Wie wäre es denn mit einer Art Mischung der beiden "Nenner"-Ansätze... Nee das würde auch nich gehen. Egal, ich bin müde, das Bett ruft :-)

      Schönen Gruß aus der Provinz

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  2. Fluchtwagenfahrer15. Oktober 2015 um 09:21

    Hey Dude,
    danke das du dich auch des Themas angenommen hast. Deine Ideen zum Thema Gegenoffensive sind genau das was ich mir auch überlegt habe. (Mal erst ganz grob) Aber ich befürchte das die persönlichen Schwierigkeiten bzw. das Beharrungsvermögen des einzelnen, die Überwindung oder auch die Gedankenflucht Mancherer am Projekt teilzuhaben noch einiges an Überzeugungskraft abverlangen wird. Aber lass uns doch schon mal anfangen. Die anderen kommen schon noch nach. Hoffentlich. Die derzeitige Situation schildert m.M. nach eb auf http://duckhome.net/tb/archives/13894-Von-Reinheitsgeboten-und-Menschennaehe..html
    ganz. gut. Und deswegen stecken wir fest.
    LG

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    1. Hallo auch :-)
      Danke für den Link, werd ich mir heut Abend durchlesen. Das mit der Überwindung von Widerständen dürfte tatsächlich eines der größeren Probleme sein, aber wenn man ein vernünftiges Konzept hat sollten sich die Vernünftigeren unter den Kollegen doch irgendwie aktivieren lassen denke ich.

      Liebe Grüße

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  3. Hallo Hubert!
    Dein Vorschlag wurde mit fast identischem Tenor bereits ausführlich bei Mrs. Mop diskutiert. Alles, was in Kleinbloggersdorf Rang und Namen (einschließlich dem des Unaussprechlichen) hat, beteiligte sich an den Kommentaren. Von Pantoufle kam dort bereits der Vorschlag einer gemeinsamen Bloggerplattform, wogegen der Kiezneurotiker sofort Bedenken hatte, dass die Blogger mit geringer Reichweite davon profitieren würden.

    Wenn Du Dir die Zeit nimmst, diese Diskussion einmal von oben bis unten durchzulesen, wird es Dir bei Deinen weiteren Überlegungen sicher sehr helfen und Zeit und Wiederholungen ersparen:

    http://dierotenschuhe.blogspot.de/2013/12/abschied-von-der-schrebergartenkultur.html

    Meine auf langjähriger Erfahrung beruhende feste Meinung dazu ist, dass die Arroganz, die Eitelkeit, vielleicht sogar die kommerziellen Interessen, die vermeintliche Exclusivität des Labels und der Wunsch nach individueller Aufmerksamkeit selbst bei einem gemeinsamen Nenner eine Zusammenarbeit verhindern würden.

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    1. Fluchtwagenfahrer16. Oktober 2015 um 08:58

      Hallo altautonomer, auch von mir ein Danke schön für deinen Link.
      Und nun?
      LG

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  4. Ein problem dürfte sein, daß die rechten, egal ob sie demokraten sind oder eher dem faschismus zugetan, nie über einen »kleinsten gemeinsamen nenner« diskutieren müssen, denn der steht ohnehin fest: den nationalstaat voranbringen.

    Auf der linken seite gibt es da erhebliche unterschiede: den »larifari«linken, der es vom gefühl her nicht gut findet gegen ausländer oder arbeitslose zu hetzen aber sonst gegen den staat nichts hat, den sozialdemokraten, der meint den kapitalismus (und den nationalstaat) mit etwas mehr Keynes retten zu müssen, Stalinisten, die der auffassung sind, der realsozialismus müsse mit all seinen »schönheiten« wiederauferstehen und diverse andere, die von nationalstaatlichkeit, privateigentum, lohnarbeit und dergleichen wenig halten, aber größenteils recht unterschiedlich vorstellungen haben, wie das zu machen wäre und so weiter.

    Da ist es naturgemäß schwierig so etwas wie einen »gemeinsamen nenner« zu finden und sei er noch so klein. Dem sogenannten »linken spektrum« werden kommunisten genau so zugerechnet, wie hammerharte anti-kommunisten. Schließlich hat es einen Stalin gegeben, der realsozialismus ist untergegangen und wir müßten ohne kapitalisten sowieso alle verhungern, weil wir dumm sind. Nach solchen totschlagargumenten ist dann niemandem mehr nach diskussion zumute, wo es denn gemeinsame interessen gibt und was man eigentlich verändern könnte oder müßte.

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